Wenn ich manchmal ein bisschen schwer in die Gänge komme, schaue ich mir gezielt kostenlose Webinare dieser Onlinecoaches an, die so aggressiv auf Facebook werben.

Ich brauche dann gerade Leute um mich, die von „Leads“ und „Funnels“ und „Klienten“ und „sechsstelligem Business“ reden, um wieder in die richtige Biz-Stimmung zu kommen. Die mein Business-Mindset wieder wachküssen.

Meine Online-Mastermindgruppe. Und die wissen nicht mal was davon.

Zu einem Teil helfen mir diese Webinare tatsächlich.

Ich komme durch die Sprache wieder in meinen Unternehmerinnen-Mindset.

„Unique selling point“, „Qualifzierung“, „laser sharp focus“ (doch, man muss so viel Englisch reden, wenn man erfolgreich ist.)

All dieser Business-Jargon bringt mich in die gewünschte, professionelle Stimmung.

Dann bin auch ich wieder motiviert. Und kriege neue Ideen.

Ich stoße auf Blockaden.

Durchaus. Wenn sie ein Thema ansprechen, bei dem ich am liebsten ausschalten würde, dann weiß ich: Genau dieses Thema ist es, das ich mir näher ansehen muss. Das arbeitet dann noch tagelang in mir.

Beim letzten Mal ging es um meine Positionierung (auch so ein Biz-Wort). Als Scannerpersönlichkeit bin ich interessiert an so vielem und möchte das gern auch ganz begeistert teilen. (Nicht umsonst hab ich 6 Blogs am Laufen, darunter eins über Aquarien.)

Was ich aber für Verkäufe meines Produktes brauche ist laserscharfer Fokus.

Ich habe wieder hineingefühlt:

  1. Worin genau bin ich Expertin?
  2. Was ist das eine konkrete Problem (der Schmerzpunkt – pain point) meiner Leser, das ich lösen will?
  3. Wie spreche ich das besser in meinen Texten an? Wie kann ich es so einfach wie möglich für den Interessenten machen?

Dieses Seminar motiviert mich zum Tun. Und darauf kommt es an.

Ich habe, während die Webinare liefen, meine Webauftritte verbessert. Was ich von allein wohl nicht getan hätte.

Die Texte verändert.

Die Navigation noch etwas angepasst.

Aber ich hab auch viele Dinge gefunden, die ich auf keinen Fall so machen will wie diese Dozenten.

*** Ab jetzt folgt ein ziemlich zynischer Text darüber, was ich an diesen Webinaren NICHT gut finde. Du kannst ihn lesen, musst aber nicht. Geh ruhig zur nächsten Lektion über.

Ich nutze eben, dass mich die Webinare immer wieder zu eigenen Ideen inspirieren, aber grundsätzlich halte ich sie für schlechtes Geschäftsgebahren. ***


Vielleicht bin ich ein gebranntes Kind und deshalb so skeptisch.

Nach der Wende wurde uns Ossis viel Müll an der Haustür, auf Kaffeefahrten, per Post („Sie haben gewonnen!!“) angedreht.

Später als ich mein eigenes Seminarzentrum führte, kamen mehrere Networkingfrauen mit angeblichen Wundermitteln, die wollten, dass ich das Zeug auch verkaufe. Und Männer in „Businessstammtischen“, die ganz tolle neue Gewinnerzielungssysteme hatten, bei denen wir unbedingt mitmachen sollten.

Man wollte mir schon viel Sch*** andrehen. Ach so tolle Gewinne, Sonderpreise, Wunderdinge und Reichtumschancen.

Deshalb bin ich skeptisch, wenn es zu gut klingt. Und ich glaube, zu recht.

Auch bei diesen Onlineseminaren, die ich mir angeschaut habe, beschleicht mich ein Gefühl:

Man wird für dumm verkauft – und man fühlt das.

Jedes dieser Webinare – und ihre Anbahnung – lief gleich ab.

Da wird so getan, als hätte ich ein Riesenglück, dass der Dozent genau jetzt Zeit für mich hat.

Komischerweise startet gleich zur nächsten vollen oder halben Stunde ein Erfolgsseminar. Quasi nur für mich. (Super, was mit Technik heute alles geht, muss ich schon sagen!)

Dass so getan wird, als wäre das, was da kommt, live.

„Je nachdem, wann der Dozent anfängt …“ Als ob sich wirklich jemand dort live zu dir setzt und mit dir redet.

Der Chat ist natürlich auf „privat“ gestellt, den sieht nur der Dozent. Ja klar. Ist alles live.

„Bitte gib ‚Ja‘ in den Chat ein.“ Ich fühle mich verarscht.

Und dieses Gefühl vom Anfang bleibt dann leider, wenn ich diese Dozenten weiter verfolge.

Jeder weiß doch, dass das Aufzeichnungen sind. Und daran ist absolut nichts auszusetzen.

Also tut doch nicht so, als würdet ihr 1 zu 1 nur mich und die anderen 49, die immer in dem Zähler oben angezeigt werden, betreuen.

„Nur jetzt, nur hier gilt dieses einmalige Angebot!“

Das macht ein negatives unterbewusstes Gefühl bei euren Interessenten. Ich kriege Zweifel: Wenn du mich schon bei so einer unnötigen Sache belügst – tust du das dann vielleicht auch bei deinen anderen Behauptungen? Beispielsweise wenn du mit deinen wundervollen Erfolgen prahlst?

Der immer gleiche Ablauf

Haben die alle die gleiche Schulung durchlaufen? Der Wortlaut der Webinare ist fast identisch. Der Ablauf auf jeden Fall. Viele der Sätze wiederholen sich bei allen.

„Sei pünktlich.“ „Wir schließen die Türen nach 5 Minuten.“ „Und am Ende hab ich noch eine Meeeegaüberraschung für dich, DAS Geheimnis, wie auch du …“

Ja klar, genau. Nur du kennst dieses Geheimnis.

Die anderen 12 Dozenten, die ich mir auch schon angeschaut hab, haben das nicht gesagt – klar!

Schon Mist, dass du Erfolgsguru dadurch nun doch wieder total austauschbar wirst und ich nicht weiß, wieso ich gerade bei dir kaufen soll. Du sprichst wie all die anderen. Und genau du hast nun DAS Erfolgsgeheimnis für mich?